Dienstag, 9. Oktober 2012

[Rezension] Vollendet von Neal Shusterman

  •  *Leseprobe*
  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: Saulerländer (1. August 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3411809929
  • Originaltitel: Unwind
          



























Die Story in wenigen Sätzen: 

Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus. Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind Wandler und sie sind auf der Flucht. Vor einem Staat, in dem Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren umwandeln lassen können.
Angeblich ist die Umwandlung eine schmerzfreie Angelegenheit und sowieso nichts wirklich Schlimmes. Denn laut der Ärzte lebt jeder Teil des Körpers als Organspende in einem anderen Organismus weiter. Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem ... lebst du dann, oder bist du tot?

Erster Satz:   

   „Du kannst dich verstecken”, sagt Ariana.

Das sagt Lucy:

Ich mag Bücher, die einen zum Nachdenken anregen. Die einen vielleicht sogar umdenken lassen. Die beim Leser auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Vollendet ist eines von diesen Büchern. Und ich kann es nur jedem wärmstens empfehlen. Dieses Buch sollte wirklich jeder gelesen haben. Gerade hab ich es meiner Mutter ausgeliehen – und hoffe, sie wird nicht zu sehr weinen beim Lesen. Denn, ich sag es lieber gleich, wer ein Sensibelchen ist (wie ich), der wird bestimmt mit der einen oder anderen Träne kämpfen müssen.

Die Geschichte spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in Nordamerika. Nachdem dort lange Zeit der so genannte Heartland-Krieg herrschte, in dem Abtreibungs-Befürworter und -Gegner gegeneinander gekämpft haben, wurde die „Charta des Lebens“ verabschiedet. Darin steht, dass Eltern, die Probleme mit ihren Kindern haben, diese zwischen ihrem 13. und 18. Lebensjahres rückwirkend „abtreiben“ lassen können. Dieser Prozess wird Umwandlung genannt und dabei werden Jungen und Mädchen sämtliche Körperteile und Organe entnommen, um sie jemand anderem einzupflanzen.

Es gibt auch kaum noch Ärzte, die Krankheiten „normal“ behandeln, dafür hat man nun umso mehr Chirurgen, die sich um Umwandlungen und die anschließenden Organ-Operationen kümmern.

Gesetzlich ist es einer Mutter außerdem erlaubt, ihr Neugeborenes zu „storchen“, d.h. das Baby heimlich vor irgendeine x-beliebige Haustüre zu legen und dann einfach zu verschwinden. Der Finder ist in jedem Falle dazu verpflichtet, es zu behalten und großzuziehen. Ist vielleicht gut gemeint, aber man muss sich vor Augen führen, dass nicht jeder Finder glücklich über ein „Storchen-Baby“ ist. Und so kann es leider vorkommen, dass ein Kind nicht die Liebe und Zuwendung bekommt, die es braucht – oder schlimmer noch einfach liegen gelassen oder zur nächsten Haustür gelegt wird.

Doch natürlich gibt es Kids, die sich dagegen wehren. Connor, Risa und Lev, die Protagonisten der Geschichte, sind drei von vielen. Sie stehen auf der Liste der „Wandler“ und zusammen versuchen sie, vor ihrem grausamen Schicksal zu fliehen. Dabei stellen sie sich immer wieder die Frage, was nun eigentlich wirklich mit ihnen passieren würde, ob sie noch leben oder ganz weg sein würden, würden sie letztlich tatsächlich umgewandelt werden.

Über das Thema Abtreibung lässt sich diskutieren und streiten, aber ich persönlich denke nicht, dass bald ein Krieg aus diesem Grund bei uns stattfinden könnte. Dennoch bin ich der Meinung, dass unsere Realität nur ein paar Schritte vom Inhalt dieses Buches entfernt sein könnte. Denn, dass Menschen im Stande sind, grauenvolle, unmenschliche Dinge zu tun, haben sie allemal bewiesen. Und medizinisch und technisch sollte das Ganze kaum mehr ein Problem darstellen.
Vollendet gehört zu der Art von Dystopie, die sehr realistisch ausgelegt und gestaltet ist, und das Lesen somit noch viel gruseliger und aufwühlender macht.

Neal Shustermans Schreibstil ist simpel und auf den Punkt gebracht. Die Kapitel sind alle nicht sehr lang und jedes ist aus einer anderen Sicht geschrieben – hauptsächlich aus der unserer Protagonisten, aber auch aus der vieler anderer Charaktere. Dies ermöglicht dem Leser einen Einblick in die Köpfe so ziemlich aller auftretenden Parteien, und gibt ihm die Chance, deren Ängste und Beweggründe nachvollziehen zu können.

Was mich allerdings am allermeisten fasziniert hat, war die Tatsache, dass Neal Shusterman es geschafft hat, mich permanent emotional in Schach zu halten, ohne großartig auf Jammer und Tragik und Mitleid zu machen. Vieles steht zwischen den Zeilen – auch bei den Dialogen.
Die Charaktere sind allesamt authentisch dargestellt; jeder hat seine ganz eigene, ergreifende Geschichte. Und mit jedem fiebert und leidet man irgendwie mit.

Die größte Entwicklung von allen macht wohl Lev. Zunächst ist er das etwas naive Zehntopfer, das selbst all das glaubt und glücklich mit dem ist, was ihm von klein auf eingetrichtert wurde. Aber nach und nach – teils durch Connor und Risa, teils durch Pastor Dan, seinen Vertrauten von Zuhause, teils durch einen Fremden, der ihm auf seinem Weg begegnet – realisiert er, was wirklich hinter seinem Schicksal steckt und dass er von all dem doch nicht so begeistert ist. Er beginnt zu hinterfragen und zu hassen.

Die gesamte Geschichte hat mich bereits von der ersten Seite an gefesselt. Ich konnte das Buch kaum weglegen und hatte es somit schnell durch gelesen. 

Was ich zuerst nicht wusste, Vollendet scheint der Auftakt einer Trilogie zu sein. Das finde ich persönlich etwas schade. Ich finde, dass es eigentlich ein sehr gelungener Einzeltitel ist. Dennoch ...

Fazit:

... Neal Shusterman hat mit Vollendet definitiv alles richtig gemacht: Erschütternde Thematik, packender Schreibstil, starke Charaktere. Ich kann nicht anders, als diesem Buch 6 von 6 möglichen Wombats zu geben und es jedem, wirklich jedem ans Herz zu legen. 




P.S.: Vielleicht kennt der ein oder andere MainstayPro auf youtube, die unter anderem bekannt für ihre "Die Tribute von Panem" Kurzfilme sind. Zu Vollendet haben sie jedenfalls auch einen gedreht und den wollte ich euch nicht vorenthalten. Ich finde den nämlich richtig gut gemacht.


                                     

2 Kommentare:

Sternwanderin hat gesagt…

Ha! Das Buch habe ich auch eben gerade ausgeliehen und bin schon sehr gespannt - besonders nach der Rezi. :) Ich habe beim Ausleihen zwar befürchtet, "Vollendet" würde vllt wieder in die Dystopie-Ecke fallen, die zur Zeit ja leicht überfüllt ist, und Mr Shusterman damit wieder die selbe Schiene fahren wie so viele momentan, aber es klang durchaus spannend und deine Rezi hat mich nun vollends überzeugt, so schnell wie möglich Hand an das Buch zu legen. ;)

Lucy Montrose hat gesagt…

Hallo liebe Sternwanderin,
es freut mich, dass dir meine Rezi gefallen hat und du nun "Vollendet" lesen möchtest. Lass mich wissen, wie du es fandest, ja? :)

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